Titelbild: Medialität & die Kunst: George Roux und ein Bild als leise Ahnung
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Medialität & die Kunst: George Roux und ein Bild als leise Ahnung

Es gibt Gemälde, die man einmal sieht – und die einen nicht mehr loslassen.

„Spirit" von George Roux, entstanden 1885, ist eines davon. Eine leuchtende, transluzente Frau in weißem Kleid erscheint in einem dunklen, vollgestellten Arbeitszimmer – und spielt Klavier. Wer genauer hinschaut, erkennt: Das Bild zeigt keine Gruselgeschichte. Es zeigt eine Ahnung.

Was das Bild wirklich zeigt

Der Mann im Hintergrund läuft nicht weg, er scheint keine Angst zu haben. Im Gegenteil. Sein Gesicht verrät ein Gemisch aus Staunen, Ergriffenheit und tiefer Sehnsucht. Wie versteinert blickt er sie an – diese leuchtende Erscheinung – und man spürt die Hoffnung, die Kraft und die tiefe Ruhe, die von der Frau ausgeht. Und vielleicht in diesem Moment auf den Mann übergehen.

Das Bild wirkt, als wäre für einen Augenblick die Zeit stehen geblieben. Der Mann wirkt, als würde er sich wünschen, dass der Moment nie mehr aufhört, dass die Erscheinung nie mehr verschwinden möge.

Wer mag sie sein? Vielleicht seine Frau, die zu früh gestorben ist? Seine verstorbene Schwester, ein anderer geliebter Mensch? Handelt es sich um eine mediale Wahrnehmung des Künstlers oder lediglich um Illusion? Darüber lässt sich nichts mit letzter Gewissheit sagen, über die Hintergründe des Gemäldes ist kaum etwas bekannt. Und doch, so denke ich, sind für den Betrachter alle Antworten im Bild bereits enthalten – als leise Ahnung.

Das viktorianische Zeitalter und die Faszination für das Jenseits

Dass ein Maler wie George Roux 1885 ein solches Bild malte, ist kein Zufall. Das viktorianische Zeitalter war von einer tiefen, ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Jenseits geprägt. Die Sterblichkeitsrate war hoch, Verlust war allgegenwärtig – und gleichzeitig begann die Wissenschaft, alte Gewissheiten zu erschüttern. In diesem Klima erlebte der Spiritismus eine Blütezeit. Medien arbeiteten öffentlich, Séancen gehörten zur Gesellschaft, und bedeutende Denker – Philosophen, Wissenschaftler, Ärzte – beschäftigten sich ernsthaft mit der Frage, ob Bewusstsein den Tod überlebt.

Wie ich als Medium dieses Bild lese

Für mich handelt das Gemälde von einer Gewissheit, mit der ich durch meine Arbeit als Medium tagtäglich in Berührung bin: der Tod ist nicht das Ende der Verbindung. Unsere Verstorbenen sind nicht weg.

Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft, die mir Verstorbene in Jenseitskontakten immer wieder übermitteln. Sie zeigen mir, dass sie ihre Hinterbliebenen liebevoll und beschützend begleiten. Manchmal zeigen mir Verstorbene, dass sie sich in bestimmten Räumen des Hauses aufhalten: im Wohnzimmer, in der Küche, in dem Zimmer, das ihnen am liebsten war. Und nicht selten bestätigen mir meine Klienten, dass sie genau das bereits gespürt hatten – eine Anwesenheit, die sie nicht erklären konnten, die sich aber vertraut anfühlte.

Wichtig dabei zu sagen ist, dass dies nichts Unheimliches hat. Es handelt sich nicht um Spuk oder eine Form von Besetzung (an die ich als Medium persönlich auch nicht glaube). Vielmehr ist es Liebe, die eine andere Form angenommen hat.

Genau das sehe ich in dem Gemälde von Roux. Die Frau erscheint nicht, um den Mann zu erschrecken. Sie spielt, weil das Klavier ihr Ort war. Weil Musik ihre Sprache war. Weil sie vielleicht einfach noch einmal da sein wollte – in dem Zimmer, mit ihm, in der Stille des Abends. Und vielleicht auch, um ihn zu trösten.

Beispiel aus meiner Arbeit: Der verstorbene Mann gibt mir im Laufe des Jenseitskontakts zu verstehen, dass er sich gerne immer noch in seinem Haus aufhält. Früher war es seine Rolle, das Haus instand zu halten – und auch heute ist er vor allem dann präsent, wenn etwas repariert werden muss. Heute übernimmt das seine Frau. Und tatsächlich bestätigt sie mir lachend, dass sie seine Anwesenheit in diesen Momenten spüren kann. Manchmal scheint es ihr, als würde sie durch ihn eine Ermutigung bekommen.

Die eigentliche Frage

Das Bild stellt – ohne ein einziges Wort – eine Frage, die Menschen seit Jahrtausenden beschäftigt: Was bleibt, wenn jemand geht?

Meine Antwort, nach Jahren der Arbeit als Medium, lautet: Mehr, als wir zu hoffen wagen.

Die Verstorbenen, denen ich in meiner Arbeit begegne, sind keine Geister im Sinne des Schreckens. Sie sind Personen – mit ihrem Humor, ihrer Lebensphilosophie, ihren Eigenheiten, ihrer Liebe. Sie sind da. Manchmal sehr nah. Und manchmal spielen sie einfach weiter Klavier.


Rebecca Gischel – Jenseitsmedium München

Über die Autorin

Rebecca Gischel ist Jenseitsmedium aus München. Ihre besondere Stärke liegt in der feinen Wahrnehmung von Gefühlswelten der Verstorbenen. Wenn Sie Interesse an einem Jenseitskontakt haben, finden Sie weitere Informationen hier.

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