Titelbild: Die Bedeutung von Vergebung
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Die Bedeutung von Vergebung

Als Jenseitsmedium erlebe ich in meiner Arbeit immer wieder: Nicht nur die schönen Gefühle wie Liebe binden Menschen tief aneinander, sondern auch die schweren – sei es Groll, Wut oder Hass. Selbst über den Tod hinaus. Im Falle der schweren Gefühle tritt damit wohl das Gegenteil dessen ein, was man sich erhoffen würde: Man trägt den Menschen, den man hasst, über das Festhalten an die negativen Erinnerungen gewissermaßen in sich. Diese Bindung hat oft negative Auswirkungen auf beide Seiten – emotional, körperlich, seelisch. Umso wichtiger erscheint es mir, sich auf den Prozess der Vergebung einzulassen. Um dem anderen Freiheit zu schenken – und sich selbst.

Das Wort Vergebung – abgeleitet vom Verb vergeben – bedeutet ursprünglich „weggeben" oder „schenken". Es setzt sich aus dem Präfix ver- (im Sinne von „weg, fort") und dem althochdeutsch-germanischen Wort geban (geben) zusammen.

Diese Herkunft trägt bereits in sich, was ich im Folgenden beschreiben möchte.

Verbindungen zwischen Seelen

Dies wird mir in Jenseitskontakten immer wieder gezeigt: Wir Menschen sind keine isolierten Einzelwesen. Wir stehen innerlich wie äußerlich mit einem ganzen Netz aus anderen Menschen in Verbindung – Lebenden wie Verstorbenen. Je stärker die Gefühle, desto stärker das Band zwischen zwei Menschen – und desto stärker auch der Einfluss, den sie aufeinander ausüben, oft ohne es zu ahnen. Dies endet nicht mit dem Tod.

Verstorbene begleiten und unterstützen ihre Hinterbliebenen auf jedem Schritt, mit denen sie in Liebe verbunden sind. Diese Verbindung kann für die Hinterbliebenen eine große Quelle von Kraft und Trost sein.

Doch dasselbe gilt im Schweren. Auch Groll, Hass und unaufgelöste Wut ketten Menschen aneinander. Solange man auf jemanden Groll hegt, trägt man diese Person gewissermaßen in sich – ob man das will oder nicht, ob die andere Person lebt oder bereits verstorben ist. Es scheint, als würde man durch die dauernde Erinnerung an die Tat oder das schlechte Verhalten die andere Person an sich ketten.

Die Erkenntnis nach dem Tod

Im Tod, so erlebe ich es in Jenseitskontakten immer wieder, scheinen die Mauern der Verdrängung zu schmelzen. Was ein Mensch zu Lebzeiten erfolgreich ausblenden konnte – seine Schuld, sein schlechtes Handeln, den Schmerz, den er anderen zugefügt hat – tritt plötzlich in voller Klarheit zutage. Der Verstorbene wird mit seiner ganzen Wahrheit konfrontiert. Und das ist – je nachdem, was für ein Leben geführt wurde – nicht immer einfach.

Nicht immer stellt sich unmittelbar mit dem Tod die volle Erkenntnis ein. Auch nach dem Tod gibt es seelische Entwicklung und einen fortlaufenden inneren Prozess – dazu habe ich einen eigenen Artikel geschrieben: Entwickeln wir uns nach dem Tod noch weiter? Doch egal, wie lange dieser Prozess dauert: Im Tod kann der eigenen Wahrheit nicht dauerhaft ausgewichen werden. Irgendwann sehen wir unser Handeln – und welches Leid wir damit über andere gebracht haben.

Gleichzeitig scheint es auch ein tiefes Verstehen zu geben: warum man selbst so gehandelt hat, welcher alte Schmerz, welche Abspaltung von den eigenen Gefühlen dazu geführt hat. Kaum ein Mensch handelt schlecht, weil er das Schlechte bewusst wählen würde. Es ist fast immer eigener, unverarbeiteter Schmerz, der dazu führt, dass jemand den Zugang zu seinen Gefühlen – und damit zu seinem inneren Kompass – verliert.

Diese Erkenntnis bringt oft große Scham und großes Leid. Es ist, als würden die Verstorbenen durch das Erkennen selbst fühlen, was sie anderen angetan haben. Je größer die Schuld, desto schwerer kann dieser Zustand sein – bis hin zu einer Verzweiflung, aus der heraus sich der Verstorbene alleine nicht mehr befreien kann. In der katholischen Kirche würde man diesen Zustand wohl als Fegefeuer bezeichnen – ein Bild, das ich aus meiner medialen Erfahrung heraus sehr gut nachvollziehen kann.

Und dieses Leid, so wird es mir immer wieder gezeigt, erreicht durch die bestehende Verbindung auch den Hinterbliebenen. Oft unbewusst – als emotionale Schwere, als seelisches Leiden, manchmal sogar mit körperlichen Auswirkungen. Der Hinterbliebene weiß oft nicht, woher diese Last kommt. Er spürt nur, dass er sie trägt.

Was Vergebung bedeutet – und was nicht

Hier ist mir eine Sache besonders wichtig. Bei der Aufforderung zur Vergebung kann es schnell zu einer Täter-Opfer-Umkehr kommen: Plötzlich trägt das Opfer die Pflicht, sich vollumfänglich zu versöhnen – und bleibt diese Versöhnung aus, wirkt es wie ein Versagen. Das ist nicht gemeint, und es wäre falsch.

Wer durch einen anderen Menschen gelitten hat, trägt keine Schuld dafür, wenn er nicht verzeihen kann. Manche Taten sind so schwer, der Schmerz so tief, dass Versöhnung schlicht nicht möglich ist – und das gilt es zu respektieren.

Was ich mit Vergebung meine, ist etwas anderes als Versöhnung. Es bedeutet nicht, den anderen zu mögen, zu lieben oder ihm seine Taten nachzusehen. Nicht einmal, ihn zu verstehen – auch wenn Verständnis oft ein Weg dorthin ist.

Vergebung bedeutet für mich vielmehr: dem anderen die Erinnerung an seine Taten zurückzugeben und sie damit nicht länger in sich zu tragen – in Form von Wut, Groll, Hass. Diese Gefühle sitzen im eigenen Körper, in der eigenen Seele, und wirken von dort. Indem man sie loslässt, befreit man sich selbst. Man trennt das Band, das einen mit dem anderen verbindet.

Vielleicht bedeutet in der Tiefe zu vergeben, jemandem das Geschenk zu machen, in Frieden mit seiner eigenen Wahrheit kommen zu dürfen – um sich irgendwann in der Liebe neu begegnen zu können. Als Möglichkeit.

Ein Beispiel aus meiner Arbeit: Eine Klientin kam zu mir, und es erschien ihre verstorbene Mutter. Beide Elternteile hatten ungelöste eigene Themen gehabt, weshalb sie – so zeigte sie – keine guten Eltern hatten sein können. Ihrer Mutter hatte die Klientin bereits vergeben, woraus eine neue, zarte Verbindung entstanden war. Doch die Mutter zeigte im Laufe des Jenseitskontakts, dass ihre Tochter noch immer einen tiefen Groll auf den ebenfalls verstorbenen Vater in sich trug – und dass dieser Groll die beiden aneinander band. Sie zeigte, inwiefern diese Verbindung sich auf die Gesundheit ihrer Tochter auswirkte und emotional immer wieder zu einer tiefen Schwere führte, deren Ursachen nie klar gewesen waren. Angesichts der Schwere der Schuld des Vaters war Verstehen, Verzeihen und Lieben für meine Klientin zunächst nicht möglich. Vergebung bedeutete in diesem Kontext vielmehr: den Teil, den sie noch von ihrem Vater in sich trug, an ihn zurückzugeben und sich innerlich zu lösen – um so das Band aufzulösen und beiden damit inneren Frieden zu schenken.

Wie Vergebung geschehen kann

Vergebung ist selten ein Moment – sie ist ein innerer Prozess. Oft ist Geduld gefordert, und Nachsicht mit sich selbst. Es kann Rückschläge geben. Und der eigene Weg muss dabei oft erst noch gesucht werden – es gibt nicht die eine richtige Methode.

Manchmal hilft es, sich mit dem anderen innerlich auseinanderzusetzen – durch innere Gespräche oder durch Briefe an den Verstorbenen. Auch das bewusste Zuwenden zu dem, was war, oder das Formulieren des eigenen Schmerzes kann helfen. Was zählt, ist nicht die Form. Was zählt, ist, dass innerlich etwas in Bewegung gerät.

Auch ein Jenseitskontakt kann ein solcher Anstoß sein. Vielleicht will der Verstorbene eine lang ersehnte Entschuldigung aussprechen, will zeigen, warum er so gehandelt hat – nicht um sich zu rechtfertigen, sondern um eine Brücke zu schlagen. Das kann ein Anstoß sein, sich seinen verletzten Gefühlen zuzuwenden, die oftmals verdrängt wurden – ein erster Schritt im Prozess der Vergebung. Und doch gilt auch hier: Nicht jeder Verstorbene hat bereits die innere Größe erreicht, die dafür nötig ist. Ein Medium kann sich für ein klärendes Gespräch bereitstellen, aber nicht garantieren, dass die Chance vom Verstorbenen wahrgenommen wird.

Manchmal braucht es Unterstützung und Begleitung von außen, etwa durch Therapeuten oder Freunde.

Der Weg ist nicht immer einfach, und doch: Wahre Vergebung ist vielleicht das größte Geschenk, das wir uns selbst und dem anderen machen können. Weil sie zurückgibt, was nie zu uns gehörte – um endlich die Ketten zwischen Menschen zu lösen, die sich nach Freiheit sehnen.


Rebecca Gischel – Jenseitsmedium München

Über die Autorin

Rebecca Gischel ist Jenseitsmedium aus München. Ihre besondere Stärke liegt in der feinen Wahrnehmung von Gefühlswelten der Verstorbenen. Haben Sie Interesse an einem Jenseitskontakt? Mehr erfahren.

Auf Instagram: @mediale.kommunikation